September 2009, Flug von Berlin nach Sardinien: Lediglich mit ihrem Namen und ungefährem Aufenthaltsort auf der Insel Sant Antioco steige ich in das Flugzeug. Ich bin auf der auf der Suche nach Seniora Vigo, der letzten Muschelseidenweberin.

Von Berlin aus kommend landete ich im Norden von Sardinien. Einen Tag lang fuhr ich mit dem Zug Richtung Süden, stieg in einen Bus um und erreichte am darauf folgenden Tag die kleine Insel Sant Antioco. In der gleichnahmigen Stadt fragte ich nach Seniora Vigo. Ihr Name war dort nicht unbekannt und ich bekam von den Ortsansässigen einen Stadtplan mit detaillierter Wegbeschreibung.

Bevor ich am nächsten Tag zu ihr ging, setzte ich mich in ein Cafe, um nach jemanden Ausschau zu halten, der mir beim Dolmetschen behilflich sein könnte. Allerdings blieb die Suche erfolglos und ich beschloss alleine loszuziehen.  Ich fand Sie jedoch nicht, wie angenommen, in einer kleinen traditionellen Werkstatt, sondern in einem Museum, dessen Räumlichkeiten Ihr von der Stadt zur Verfügung gestellt wurden. Hier stehen über 400 Jahre alte Webstühle, auf der zuletzt ihre Großmutter Muschelseide verwebt hatte.

Zu meiner großen Freude hatte Sie Besuch von einem italienischen Freund, der sonst in Stuttgart lebt. Soweit reicht also die glückliche Fügung! Und so konnte mir Frau Viga von Ihrer Großmutter erzählen, die Ihr schon als Kind das Weben beigebracht hatte. Sie erzählte von den Steckmuscheln, die bis zu 1,20 m groß werden und von denen sie mit großer Achtsamkeit die Muschelseide aberntet. Dies geschieht bis zu viermal im Jahr zu Vollmond mit einem bestimmten Ritual, untermalt mit uralten Gesängen.

Sie zeigte mir, wie Muschelseide im „Rohzustand“ aussieht, wie sie sie kardiert und anschließend mit einer kleinen Handspindel verspinnt. Daraufhin wird der Faden in eine Geheimtinktur gelegt, wo er ruht und eine elastische Konsistenz bekommt. Zuletzt glänzt die Muschelseide wie Gold in der Abendsonne von Sant Antioco. Mit den feinen Byssusfäden legt Chiara Vigo beim Weben Muster in ein reines Leinengewebe ein. Nach diesen Ausführungen gab Frau Vigo mir die Gelegenheit, an ihren Webstühlen zu arbeiten.

Ich war drei Tage bei Ihr und ich bin voller Dank und Freude für diese Zeit.